selbst vor sich verwandelt zu sehen und jetzt zu handeln,als ob man wirklich in einen andern Leib, in einenandern Charakter eingegangen wäre. Dieser Prozesssteht an dem Anfang der Entwickelung des Dramas.Hier ist etwas Anderes als der Rhapsode, der mit seinenBildern nicht verschmilzt, sondern sie, dem Maler ähnlich,mit betrachtendem Auge ausser sich sieht; hier ist bereitsein Aufgeben des Individuums durch Einkehr in einefremde Natur. Und zwar tritt dieses Phänomen epide-misch auf: eine ganze Schaar fühlt sich in dieser Weiseverzaubert. Der Dithyramb ist deshalb wesentlich v.onjedem anderen Chorgesange unterschieden. Die Jung-frauen, die, mit Lorbeerzweigen in der Hand, feierlichzum Tempel des Apollo ziehn und dabei ein Prozessions-lied singen, bleiben, wer sie sind, und behalten ihrenbürgerlichen Namen: der dithyrambische Chor ist einChor von Verwandelten, bei denen ihre bürgerliche Ver-gangenheit, ihre sociale Stellung völlig vergessen ist: siesind die zeitlosen, ausserhalb aller Gesellschaftssphärenlebenden Diener ihres Gottes geworden. Alle andere Chor-lyrik der Hellenen ist nur eine ungeheure Steigerung desapollinischen Einzelsängers; während im Dithyramb eineGemeinde von unbewussten Schauspielern vor uns steht,die sich selbst unter einander als verwandelt ansehen.
Die Verzauberung ist die Voraussetzung aller drama-tischen Kunst. In dieser Verzauberung sieht sich derdionysische Schwärmer als Satyr, und als Satyrwiederum schaut er den Gott d. h. er sieht inseiner Verwandlung eine neue Vision ausser sich, alsapollinische Vollendung seines Zustandes. Mit dieserneuen Vision ist das Drama vollständig.
Nach dieser Erkenntniss haben wir die griechischeTragödie als den dionysischen Chor zu verstehen, der
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