57
8 ,
Der Satyr wie der idyllische Schäfer unserer neuerenZeit sind Beide Ausgeburten einer auf das Ursprünglicheund Natürliche gerichteten Sehnsucht; aber mit welchemfesten unerschrocknen Griffe fasste der Grieche nachseinem Waldmenschen, wie verschämt und weichlichtändelte der moderne Mensch mit dem Schmeichelbildeines zärtlichen flötenden weichgearteten Hirten! DieNatur, an der noch keine Erkenntniss gearbeitet, in derdie Riegel der Cultur noch unerbrochen sind — das sahder Grieche in seinem Satyr, der ihm deshalb noch nichtmit dem Affen zusammenfiel. Im Gegentheil: es wardas Urbild des Menschen, der Ausdruck seiner höchstenund stärksten Regungen, als begeisterter Schwärmer,den die Nähe des Gottes entzückt, als mitleidender Ge-nosse, in dem sich das Leiden des Gottes wiederholt, alsWeisheitsverkünder aus der tiefsten Brust der Naturheraus, als Sinnbild der gesch lechtlichen Allgewalt derNatur, die der Grieche gewöhnt ist mit ehrfürchtigemStaunen zu betrachten. Der Satyr war etwas Erhabenesund Göttliches: so musste er besonders de m schmerzlichgebrochnen Blick des dionysisc hen Mensc hen dünken.Ihn hätte der geputzte, erlogene Schäfer beleidigt:auf den unverhüllten und unverkümmert grossartigenSchriftzügen der Natur weilte sein Auge in erhabenerBefriedigung; hier war die Illusion der Cultur von demUrbilde des Menschen weggewischt, hier enthüllte sichder wahre Mensch, der bärtige Satyr, der zu seinemGotte auf jubelt. Vor ihm schrumpfte der Culturmenschzur lügenhaften Caricatur zusammen. Auch für dieseAnfänge der tragischen Kunst hat Schiller Recht: derChor ist eine lebendige Mauer gegen die anstürmende,