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drücken, braucht der Lyriker alle Regungen der Leiden-schaft, vom Flüstern der Neigung bis zum Grollen desWahnsinns; unter dem Triebe, in apollinischen Gleich-nissen von der Musik zu reden, versteht er die ganzeNatur und sich in ihr nur als das ewig Wollende, Be-gehrende, Sehnende. Insofern er jber die Musik inBildern deutet, ruht er selbst in der stillen Meeresruheder ’apollinischen Betrachtung, so sehr auch alles, waser durch das Medium der Musik anschaut, um ihn herumin drängender und treibender Bewegung ist. Ja wenner sich selbst durch dasselbe Medium erblickt, so zeigtsich ihm sein eignes Bild im Zustande des unbefriedigtenGefühls: sein eignes Wollen, Sehnen, Stöhnen, Jauchzenist ihm ein Gleichniss, mit dem er die Musik sich deutet.Dies ist das Phänomen des Lyrikers: als apollinischerGenius interpretirt er die Musik durch das Bild desWillens, während er selbst, völlig losgelöst von der Gierdes Willens, reines ungetrübtes Sonnenauge ist.
Diese ganze Erörterung hält daran fest, dass dieLyrik eben so abhängig ist vom Geiste der Musik, alsdie Musik selbst, in ihrer völligen Unumschränktheit, dasBild und den Begriff nicht braucht, sondern ihn nurneben sich erträgt. Die Dichtung des Lyrikers kannnichts aussagen,^ was nicht in der ungeheuersten Allge-meinheit und Allgültigkeit bereits in der Musik lag, dieihn zur Bilderrede nöthigte. Der Weltsymbolik derMusik ist eben deshalb mit der Sprache auf keine Weiseerschöpfend beizukommen, weil sie sich auf den Ur-widerspruch und Urschmerz im Herzen des Ur-Ein ensymbolisch bezieht, somit eine Sphäre symbolisirt, dieüber alle Erscheinung und vor aller Erscheinung ist.Ihr gegenüber ist vielmehr jede Erscheinung nur Gleich-niss: daher kann die Sprache, als Organ und Symbol
Nietzsche, Werke Band I. 4