Druckschrift 
1 : Abth. 1 (1899) Unzeitgemässe Betrachtungen : erstes bis viertes Stück. - 4./5. Tsd. Die Geburt der Tragödie
Entstehung
Seite
28
Einzelbild herunterladen
 

v: W J. r AfAU!

28

dionysischen Orgien der Griechen die Bedeutung vonWelterlösungsfesten und Verklärungstagen. Erst bei ihnenerreicht die Natur ihren künstlerischen Jubel, erst beiihnen wird die Zerreissung des firincifiü indwiduationis einkünstlerisches Phänomen. Jener scheussliche Hexentrankaus Wollust und Grausamkeit war hier ohne Kraft: nurdie wundersame Mischung und Doppelheit in den Affectender dionysischen Schwärmer erinnert an ihn wie Heil-mittel an tödtliche Gifte erinnern, jene Erscheinung,dass Schmerzen Lust erwecken, dass der Jubel der Brustqualvolle Töne entreisst. Aus der höchsten Freude töntder Schrei des.Entsetzens oder der sehnende Klagelaut_ über einen unersetzlichen Verlust. In jenen griechischen

Festen bricht gleichsam ein sentimentalischer Zug derNatur hervor, als ob sie über ihre Zerstückelung in In-dividuen zu seufzen habe. Der Gesang und die Ge-bärdensprache solcher zwiefach gestimmter Schwärmerwar für die homerisch-griechische Welt etwas Neues undUnerhörtes: und insbesondere erregte ihr die dionysische.A (Musik^Schrecken und Grausen. Wenn die Musik schein-bar bereits als eine apollinische Kunst bekannt war, sowar sie dies doch nur, genau genommen, als Wellenschlagdes Rhythmus, dessen bildnerische Kraft zur Darstellungapollinischer Zustände entwickelt wurde. Die Musik desApollo war dorische Architektonik in Tönen, aber in nurangedeuteten Tönen, wie sie der Kithara zu eigen sind.Behutsam ist gerade das Element, als unapollinisch, fern-gehalten, das den Charakter der dionysischen Musik unddamit der Musik überhaupt ausmacht, die erschütterndeGewalt des Tones, der einheitliche Strom des Melos unddie durchaus unvergleichliche Welt der Harmonie. ^ Imdionysischen Dithyrambus wird der Mensch zur höchstenSteigerung' aller seiner symbolischen Fähigkeiten gereizt;