Druckschrift 
1 : Abth. 1 (1899) Unzeitgemässe Betrachtungen : erstes bis viertes Stück. - 4./5. Tsd. Die Geburt der Tragödie
Entstehung
Seite
6
Einzelbild herunterladen
 

so lange wir keine Antwort auf die Fragewas ist dio-nysisch? haben, nach wie vor gänzlich unerkannt undunvorstellbar sind .. .

4 -

Ja, was ist dionysisch? Tn diesem Buche stehteine Antwort darauf, einWissender redet da, derEingeweihte und Jünger seines Gottes. Vielleicht würdeich jetzt vorsichtiger und weniger beredt von einer soschweren psychologischen Frage reden, wie sie der Ur-sprung der Tragödie bei den Griechen ist. Eine Grund-frage ist das Verhältniss des Griechen zum Schmerz,sein Grad von Sensibilität, blieb dies Verhältniss sichgleich? oder drehte es sich um? jene Frage, ob wirk-lich sein immer stärkeres Verlangen nach Schön-heit, nach Festen, Lustbarkeiten, neuen Culten, ausMangel, aus Entbehrung, aus Melancholie, aus Schmerzerwachsen ist? Gesetzt nämlich, gerade dies wäre wahr

und Perikies (oder Thukydides) giebt es uns in dergrossen Leichenrede zu verstehen: woher müsstedann das entgegengesetzte Verlangen, das der Zeit nachfrüher hervortrat, stammen, das Verlangen nach demHässlichen, der gute strenge Wille des älteren Hel-lenen zum Pessimismus, zum tragischen Mythus, zumBilde alles Furchtbaren, Bösen, Räthselhaften, Vernich-tenden, Verhängnissvollen auf dem Grunde des Daseins,

woher müsste dann die Tragödie stammen? Vielleichtaus der Lust, aus der Kraft, aus überströmender Ge-sundheit, aus übergrosser Fülle? Und welche Bedeutunghat dann, physiologisch gefragt, jener Wahnsinn, aus demdie tragische wie die komische Kunst erwuchs, der dio-nysische Wahnsinn? Wie? Ist Wahnsinn vielleicht nichtnothwendig das Symptom der Entartung, des Nieder-