Druckschrift 
11 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 3 (1901) Unveröffentlichtes aus der Zeit des Menschlichen, Allzumenschlichen und der Morgenröthe : (1875/76 - 1880/81.)
Entstehung
Seite
317
Einzelbild herunterladen
 

*^

317

" 417 -

Das Christenthum erscheint als eine epidemischePanik; es war prophezeit worden, dass in Kürze die Erdeuntergehen würde. An den Gedanken dieser furchtbarenGefahr rankten sich benachbarte Gedanken an: Unter-gang warum? Um unserer Sünden halber? Also vielleichtein Gericht? Und wo ein Fürsprecher? u. s. w. Zuletzterschien es als das allgemein Rathsamste, in gewohnterantiker Weise vor die Richtstätte zu treten, das heisstin dem denkbar erbärmlichsten und mitleiderweckendstenZustande. Dieses Bild des antiken Angeklagten haltenspäter die Anachoreten fest; sie wollten jeden Augenblickbereit sein, und die Vorstellung des plötzlich herein-brechenden Gerichtes Hess sie alles ersinnen, wodurch einMensch bejammernswürdig erscheint; Gott solle es, wieein römischer Prätor, nicht aushalten, ein so verkümmertesund entsetzlich leidendes Wesen als schuldig zu behandeln.Das Christenthum kennt nur den würdelosen Schuldigen.

'418.

Wie ist es doch geschehen, dass, in der Geschichtedes Christenthums, zu den Geistig-Armen, unter und ausdenen es geboren wurde, endlich auch die Geistreichen,ja selbst die Reichen des Geistes überliefen? DasChristenthum als grosse Pöbelbewegung des römischenReichs ist die Erhebung der Schlechten, Ungebildeten,Gedrückten, Kranken, Irrsinnigen, Armen, der Sclaven,der alten Weiber, der feigen Männer, im Ganzen allerderer, welche Grund zum Selbstmord gehabt hätten, aberden Muth dazu nicht hatten; sie suchten mit Inbrunstein Mittel, ihr Leben auszuhalten und aushaltenswerth zu