Druckschrift 
11 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 3 (1901) Unveröffentlichtes aus der Zeit des Menschlichen, Allzumenschlichen und der Morgenröthe : (1875/76 - 1880/81.)
Entstehung
Seite
274
Einzelbild herunterladen
 

274

291.

Die Moralität wirkt malerisch, wenn sie lange durchUnmoralität aufgestaut war.

292.

Auf Menschen, denen viel Plötzliches begegnet, seies von aussen oder von innen her, wirkt alles, was ruhigerwartet werden kann, humanisirend: also zum Beispieljede Gewohnheit, welche über sie und über ihre Gesell-schaft herrscht: denn das Gewohnte macht keine rascheSpannung, keine schnelle Maassregel nöthig. Plötzlichesungestümes Handeln ist ebenso halb-wildenhaft wie plötz-liches ungestümes Überwundenwerden von Affecten. Fürsolche Zustände besteht das Moralische im Gewohnten,Ruhigen, Abwartenden, Überlegenden. In anderen Zeit-altern, wo dagegen gerade ein Übermaass von diesenEigenschaften existirt, scheinen die Leidenschaften undungestümen Handlungen moralischer; es ist, als obden Menschen dieser Zeiten ein Blick in die Natur dabeigegönnt wäre, so dass ihnen freier, kühner, erregter zuMuthe wird, sie halten also das Plötzliche für das humani-sirende Element, wie jene Früheren das Gegentheil.

293 -

Gesetzt, man erwartet immer das Böse, die unan-genehme Überraschung, so ist man immer in feindseligerSpannung, wird für andere unerträglich und leidet selberan der Gesundheit: solche Naturen sterben aus. Im

Ganzen sind nur die zufriedeneren und hoffnungsreicherenRacen am Leben geblieben. Wer immer Schlimmeserwartet, wird böse, nämlich feindselig, argwöhnisch, un-ruhig; dies ist die Wirkung pessimistischer Denkweisen.