287.
„Du sollst nicht stehlen!“ Aber wo hört denn dasEigenthum auf? Ein Gedanke, ein Antrieb, ein Gesichts-punkt, der Ausdruck eines Bildes, eines Gebäudes, einesMenschen — ist es nicht alles Eigenthum? Und allesstehlen wir fortwährend. Wir stehlen alle Dinge undSonnen in uns hinein, wir tragen alles für uns fort, wasda ist, ja was ehemals geschehen ist. Wir denken nichtan die Anderen dabei. Jeder individuelle Mensch siehtzu, was er alles für sich bei Seite schaffen kann.
288.
Im Sittlichen muss man nicht an seine äusserstenGrenzen gehen: sonst geräth man in den Ekel am Sitt-lichen.
289.
Das Genie das Erzeugniss glücklicher Zufälle:seine Bedingungen weiss man nicht voraus. Die reineBegünstigung im Sinne der bisherigen Moralität machtdurchaus kein Genie und keine Fruchtbarkeit; von derErziehung und Verwendung der bösen Triebe und Zu-fälle weiss die Moral nichts, desto mehr die Praxis. Esist unmöglich, Genie’s absichtlich zu fördern ■— dannmüsste man sie durch und durch kennen. Frauen, inihrer Absicht der Förderung, richten sie gewöhnlich zuGrunde.
29°.
Die Verfeinerung der Intelligenz verfeinert auchunsere Bosheit, und die Lust am Intellect giebt uns zuletztauch Lust an der verfeinerten Bosheit der Anderen. DerFortschritt besteht in dem Grade, als der Mensch Bosheitvertragen kann, ohne zu leiden.
Nietzsche, Werke II. Abtheilung Band XI. jg