Druckschrift 
11 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 3 (1901) Unveröffentlichtes aus der Zeit des Menschlichen, Allzumenschlichen und der Morgenröthe : (1875/76 - 1880/81.)
Entstehung
Seite
226
Einzelbild herunterladen
 

2 2 6

Verhalten der Thiere steht im Verhältnis zum Gradeihrer Sinnlichkeit. Unter Menschen auch? Die Reli-gionen, welche Mitleid und Liebe am höchsten geachtethaben, sind unter sehr sinnlichen Völkern entstanden, wassich schon dadurch beweist, dass sie in Bezug auf Sinnlich-keit das ascetische Ideal aufstellten: ein Beweis, dass siesich in dieser Hinsicht maasslos und ungebändigt fühlten(Inder und Juden).

169.

Thiere gleicher Art schonen sich vielfach gegen-seitig, nicht aus einem wunderbaren Instincte des Mit-gefühls, sondern weil sie bei einander gleiche Kraft vor-aussetzen und sich als unsichere Beute betrachten; sieversuchen es, von Thieren anderer Art zu leben undsich ihrer zu enthalten. Daraus bildet sich die Ge-wöhnung, von einander abzusehen, und endlich Annähe-rung und dergleichen. Schon die Absicht, Weibchenoder Männchen an sich zu locken, kann die Thiere be-stimmen, in Hinsicht auf ihre Art nicht schrecklich zuerscheinen, sondern harmlos. In ritterlichen Zeitalternwird der Mann um so. artiger, und huldvoller gegen alleFrauen, je stolzer und furchtbarer er gegen alle Männererscheint; nur so lockt er das Weibchen.

170.

Zu verstehen, wie es einem Anderen (oder einemThiere) zu Muthe ist, ist etwas anderes als mit empfin-den: das Wissen des Arztes zum Beispiel und das derMutter des kranken Kindes. Aber die Voraussetzung?