225
er den Anderen in der Freude fände, Leid über ihnempfinden und ihm die Freude zu vergällen suchen, —•so sollte Schopenhauer’s practische Moral klingen. DasMitleiden, wie es Schopenhauer schildert, ist, von seinemStandpunkte aus, die eigentliche Perversität, die gründ-lichste aller möglichen Dummheiten.
165.
Wenn uns die Freude der Anderen wehe thut, zumBeispiel wenn wir uns in tiefer Trauer befinden, so ver-hindern wir diese Freude, wir verbieten dann zum Beispielden Kindern das Lachen. Sind wir dagegen froh, so istuns der Schmerz der Anderen peinlich. Was ist dennSympathie?
166.
Sympathie für jemand: das heisst ihn nicht fürchtenund Freude von ihm erwarten. Und das soll unego-istisch sein!
167.
Das Gefühl der Sympathie könnte aus dem Gegen-satz entstanden sein: die Furcht und die Antipathie gegendas Fremde, Andere ist das Natürliche. Nun tritt derFall ein, wo dies Gefühl schweigt, keine Furcht: wir be-ginnen dies Ding zu behandeln, wie uns selber.
168.
Wenn die Geschlechter sich suchen und locken, ent-steht ein Gegensatz von Antipathie: hier ist die Heimathder Moral als sympathischer Regungen: „mit einanderein Vergnügen haben“ — „nach einander verlangen, nichtum sich zu fressen“. — Die Moralität als sympathisches
Nietzsche, Werke II. Abtheilung Band XI. jr