Druckschrift 
11 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 3 (1901) Unveröffentlichtes aus der Zeit des Menschlichen, Allzumenschlichen und der Morgenröthe : (1875/76 - 1880/81.)
Entstehung
Seite
218
Einzelbild herunterladen
 

Wenn man die Meinungen über die Mittel der Lin-derung verändert, so verändert man die Bedürfnisse, denWillen, dasBegehren der Menschheit. Also: Ver-änderung der Werthschätzung ist Veränderung des Willens. Sollte es sich ergeben, dass die Menschheit am meistenan der Unerfüllbarkeit ihres Willens leidet, so ist zuuntersuchen, ob der essentielle Schmerz, mit anderenMitteln gelindert, vielleicht gar nicht zu einem unerfüll-baren Willen es kommen lässt: dass also die Ideale derMenschheit erfüllbar sind und eine andere Werthschätzungüber alles Unerfüllbare auf kommen muss.

149.

Man glaubte, wenn man die Eigenschaften einesDinges verallgemeinerte, auf seine Ursache zu kom-men: und die allgemeinste Verallgemeinerung müsstedie Ursache aller Dinge sein. So sollte die Vollkommen-heit an sich existiren als Wesen, aus dem dann dieTugenden und die tugendhaften Menschen zu erklärenseien.

150.

Die Griechen litten am meisten beim Anblick derHässlichkeit, die Juden bei dem der Sünde, die Franzosenbeim Anblick des ungeschickten, geistarmen, brutalenSelbst deshalb idealisirten sie das Gegentheil,und dieses Ideal bildete sie selber um. Rache für dasLeid Motiv für die Bildung der Götter und künstle-rischen Vorbilder. Der Mangel an berückender Sinnlich-keit macht die deutschen Maler zu Enthusiasten des Sinn-lichen. Das Leiden an der Gluth der Leidenschaft hatdie Italiäner zu Verehrern des kalten, künstlichen For-