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11 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 3 (1901) Unveröffentlichtes aus der Zeit des Menschlichen, Allzumenschlichen und der Morgenröthe : (1875/76 - 1880/81.)
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dass ein Bedürfniss sofort befriedigt werde. Somit liegtdas eigentlich Verächtliche in jenem Mädchen in derSchwäche ihrer Furcht. Sittlich sein heisst in hohemGrade der Furcht zugänglich sein. Furcht ist die Macht,von welcher das Gemeinwesen erhalten wird. Erwägtman andererseits, dass jedes ursprüngliche Gemeinwesenin anderen Stücken aufs Höchste gerade die Furchtlosig-keit seiner Mitglieder nöthig hat, so ergiebt sich, dass,was im Falle des Sittlichen schlechterdings gefürchtetwerden soll, im höchsten Grade furchtgebietend seinmuss. Deshalb hat sich die Sitte überall als göttlichenWillen eingeführt und sich unter die Furchtbarkeit vonGöttern und dämonischen Strafmitteln zurückgezogen:so dass unsittlich sein bedeutete: das unbegrenzt Furcht-bare nicht fürchten. Von einem, der die Götter leug-nete, war man alles gewärtig; es war dadurch derfürchterlichste Mensch, den kein Gemeinwesen ertragenkonnte, weil er die Wurzeln der Furcht ausriss, auf denendas Gemeinwesen gewachsen war. Man nahm an, dassin einem solchen Menschen die Begierde schrankenloswalte: man hielt jeden Menschen ohne diese Furcht fürgrenzenlos böse. Nun geht aber völlige Furchtlosig-keit auf einen Mangel an Phantasie zurück; der böseMensch in diesem Sinne wird immer ein Mensch ohnePhantasie sein. Die Phantasie der Guten war eine Phan-tasie der Furcht, eine böse Phantasie eine anderekannte man noch nicht. Die böse Phantasie sollte dieböse Begierde niederhalten, das war das alte Sittengesetz;die beständige Herrschaft der Furcht über die Begierdemachte den sittlichen Menschen aus. Daraus entsteht alsAnzeichen des Sittlichen die Ascetik: ertragen können,warten können, schweigen können, hungern könnendas ist zum Beispiel die Moralität der Indianer. Man

Nietzsche, Werke II. Abtheilung Band XI.