Druckschrift 
11 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 3 (1901) Unveröffentlichtes aus der Zeit des Menschlichen, Allzumenschlichen und der Morgenröthe : (1875/76 - 1880/81.)
Entstehung
Seite
206
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Vermöge der moralischen Urtheile wird es dem Menschenleichter zu Muthe, sein Affect wird entladen. Schon derGebrauch von Formen der Vernunft bringt eine gewisseNerven- und Muskelbeschwichtigung mit sich. Das mora-lische Urtheil entsteht in jenen Zeiten, wo die Affecteals lästig und die Gebärden als eine zu grobe Erleichterungempfunden werden.

125.

Die moralische Beurtheilung der Menschen und Dingeist ein Trostmittel der Leidenden, Unterdrückten, inner-lich Gequälten: eine Art Rachenehmen.

126.

Den moralischen und den religiösen Urtheilen istgemeinsam: erstens der Glaube, die Erkenntniss dermenschlichen Natur und des menschlichen Inneren zubesitzen; zweitens: beide leugnen es, nur einen localenund relativen Werth zu haben; wo sie auch nur erscheinen,so benehmen sie sich als absolute, allzeitlich gültigeUrtheile; drittens: beide glauben an Zugänge zur Er-kenntniss, welche verschieden von denen sind, die dieWissenschaft kennt; viertens: beide imaginiren Wesen,die nicht existiren, die religiösen Urtheile Götter, diemoralischen Urtheile gute und böse Menschen und der-gleichen; fünftens: beide hassen die Untersuchung undsprechen von Schamlosigkeit und Schlimmerem, wennman sie nackt sehen will; sechstens: sie sind einanderselber gemeinsam, sie haben sich mit einander verbunden,um sich zu stützen, und trennt man sie, so doch nie voll-ständig: die einen leben in den anderen weiter.