selben nach Zwecken“, ein Ansatz der Wissenschaft.Indem man sie benannte (bös, gut, gerecht u. s. w.),zweifelte man nicht, sie durch und durch zu verstehen.Socrates gerieth erst in das Misstrauen, ob er sie ver-stünde. Aber er zweifelte nicht, dass den Worten gut,bös u. s. w. etwas Wesentliches entspräche!
123.
Wir glauben alle, in der Empfindung des Neides,Hasses u. s. w. zu wissen, was Neid, Hass u. s. w. ist— ein Irrthum! Ebenso im Denken: wir glauben zuwissen, was Denken ist. Aber wir erleben einige Sym-ptome einer uns wesentlich unbekannten Krankheit undmeinen, hierin eben bestehe die Krankheit. Allemoralischen Zustände bemessen und nennen wir nachdem, was wir dabei bewusst empfinden — und auchdies nicht fein, sondern ganz grob. — Nun haben wirgelernt, dass wir das Wollen nach Zwecken fundamentalmissverstehen. Es ist also auch möglich, dass wir allemoralischen Affecte missverstehen, dass wir die Symptomeschon falsch auslegen, nämlich nach den Vorurtheilender Gesellschaft, welche ihren Nutzen und Schadenim Auge hat.
124.
Die moralischen Urtheile sind Mittel, unsere Affecteauf eine intellectuellere Weise zu entladen, als dies durchGebärden und Handlungen geschieht. Das Schimpfwortist besser als ein Faustschlag oder ein Anspeien; dieSchmeichelei (Lob) besser als ein Streicheln oder Lecken(Kuss); der Fluch übergiebt einem Gotte oder Geiste dieRache, die das Thier selbst gegen seinen Feind ausübt.