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sittlich! Man handhabt jetzt die Maassstäbe der ver-schiedensten Culturen zugleich und vermag durch diesebeinahe jedes Ding als sittlich oder als unsittlich ab-zuschätzen, wie man eben will, das heisst je nach unsermguten oder bösen Willen gegen die Mitmenschen odergegen uns selbst. Die Moral ist jetzt die grosse Topikdes Löbens und Tadelns. Aber warum immer loben undtadeln? Könnte man sich dessen entschlagen, so hätteman auch die grosse Topik nicht mehr nöthig.
101.
Es giebt so viele Moralen jetzt: der Einzelne wähltunwillkürlich die, welche ihm am nützlichsten ist (er hatnämlich Furcht vor sich selber), das heisst er muss denIrrthum umarmen, im Grade darnach, dass er ein ge-fährliches Thier ist. — Ehemals, wo die Leute einerRace gleich waren, genügte auch eine Moral.
102.
Jetzt sind die Menschen sich sehr ungleich! Esgiebt mehr Individuen als je, man lasse sich nicht täu-schen ! Nur so malerisch und grob sichtbar sind sienicht, wie früher.
103.
Da es mehr als je individuelle Maassstäbe giebt, soist wohl auch die Ungerechtigkeit grösser als je. —Der historische Sinn eine moralische Gegenkraft. DasWehethun durch Urtheile ist jetzt die grösste Bestialität,die noch existirt. Es giebt keine allgemeine Moralmehr, wenigstens wird sie immer schwächer, ebenso derGlaube daran unter den Denkern.