durchaus nicht auf die Consequenzen der Wahrheit, sondernnur auf sie selber zu achten hat. — Dass das Leben desMenschen als Ganzes keine Folge der Empfindung inLust oder Unlust haben solle, sondern mit Vernichtungund völliger Empfindungslosigkeit schlösse, wird aus dem-selben Grunde gemeinhin abgelehnt: man fürchtet denGlauben an den Werth des Lebens zu schwächen unddie Lust zum Selbstmorde zu ermuthigen. Der Willezum Leben wehrt sich gegen die Schlüsse der Vernunftund versucht diese zu trüben: daher die Bedeutung, dieman den letzten Augenblicken des Lebens auf dem Sterbe-bette beilegt, als ob da noch etwas zu fürchten oder zuhoffen wäre.
90.
Der Ausdruck „Lohn“ ist aus der Zeit her in un-sere verschleppt, in welcher der Niedriggeborene, Unfreie,wenn man ihm überhaupt etwas gab oder gönnte, sichimmer beglückt, begnadet fühlte, wo er wie ein Thierbald durch die Peitsche, bald durch Lockungen auf-gemuntert wurde, aber niemals etwas „verdiente“. Wennjener timt, was er thun muss, so ist kein Verdienstdabei: wird er trotzdem belohnt, so ist dies eineüberschüssige Gnade, Güte.
91.
Der Mensch will nicht nur, dass seine Art zu lebenangenehm oder nützlich sei: sie soll auch ein Verdienstsein, und zwar um so mehr ihm klar ist, dass die An-nehmlichkeit nicht gross ist. Er will sich durch die Ehreschadlos halten.