36
68 .
Die sittliche Reinheit der Menschen ist durch einigefalsche Vorstellungen mehr gefördert worden, als es dieWahrheit zu thun vermöchte. Dass ein Gott das Gutewolle, dass der Leib zu besiegen sei, um die Seele freizu machen, dass Verantwortlichkeit für alle Handlungenund Gedanken existire, das hat die Menschheit hoch-gehoben und verfeinert. Allein schon die Aufstellungdes „Guten“!
69.
Das, was erst herkömmlich ist, -wird nicht nur mitPietät, sondern auch mit Vernunft und Gründen nach-träglich überhäuft und gleichsam durchsickert. Sosieht zuletzt eine Sache sehr vernünftig aus (vieles an ihrist zurechtgeschoben und verschönt). Dies täuscht überihre Herkunft.
7°.
Man denkt sich den moralischen Unterschiedzwischen einem ehrlichen Manne und einem Spitzbubenviel zu gross; dagegen ist gewöhnlich der intellectuelleUnterschied gross. Die Gesetze gegen Diebe und Mördersind zu Gunsten der Gebildeten und Reichen gemacht.
7i-
Unterscheidet man Stufen der Moralität, so würdeich als. erste nennen: Unterordnung unter das Herkom-men, Ehrfurcht und Pietät gegen das Herkommenund seine Träger (die Alten) als zweite Stufe. Ge-bundensein des Intellects, Beschränkung seines Herum-greifens und Versuchens, Steigerung des Gefühls