Druckschrift 
9 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 1 (1903) Aus den Jahren 1869 - 1872
Entstehung
Seite
442
Einzelbild herunterladen
 

442

wollende Ausländer sich preisgiebt, wenn er jetzt unterDeutschen lebt und sich verwundern muss, wie wenigdas deutsche Leben jenen grossen Individuen Werkenund Handlungen entspricht, die er, in seinem Wohl-wollen, als das eigentlich Deutsche zu verehren gelernthat. Wo sich der Deutsche nicht ins Grosse erhebenkann, macht er einen weniger als mittelmässigen Ein-druck. Selbst die berühmte deutsche Wissenschaft, inder eine Anzahl der nützlichsten häuslichen und familien-haften Tugenden, Treue Selbstbeschränkung Fleiss Be-scheidenheit Reinlichkeit, in eine freiere Luft versetztund gleichsam verklärt erscheint, ist doch keineswegsdas Resultat dieser Tugenden; aus der Nähe betrachtetsieht das zu unbeschränktem Erkennen antreibende Motivin Deutschland einem Mangel, einem Defecte, einer Lückeviel ähnlicher als einem Überfluss von Kräften, fast wiedie Folge eines dürftigen formlosen unlebendigen Lebensund selbst wie eine Flucht vor der moralischen Klein-lichkeit und Bosheit, denen der Deutsche, ohne solcheAbleitungen, unterworfen ist, und die auch, trotz derWissenschaft, ja noch in der Wissenschaft des öfterenhervorbrechen. Auf die Beschränktheit, im Leben Er-kennen und Beurtheilen, verstehen sich die Deutschen alswahre Virtuosen des Philisterhaften; will sie Einer über siehinaus ins Erhabene tragen, so machen sie sich schwerwie Blei, und als solche Bleigewichte hängen sie anihren wahrhaft Grossen, um diese aus dem Äther zusich und zu ihrer dürftigen Bedürftigkeit herabzuziehen.Vielleicht mag diese Philister-Gemüthlichkeit nur Ent-artung einer echten deutschen Tugend sein einer innigenVersenkung in das Einzelne Kleine Nächste und in dieMysterien des Individuums aber diese verschimmelteTugend ist jetzt schlimmer als das offenbarste Laster; be-