Druckschrift 
9 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 1 (1903) Aus den Jahren 1869 - 1872
Entstehung
Seite
429
Einzelbild herunterladen
 

4 2 9

sondern nur so, um nachzudenken! Leichtsinniger Ver-schwender! Du bist mein Leser, denn du wirst ruhig genugsein, um mit dem Autor einen langen Weg anzutreten,dessen Ziele er nicht sehen kann, an dessen Ziele erehrlich glauben muss, damit eine spätere, vielleicht ferneGeneration mit Augen sehe, wonach wir, blind und nurvom Instinct geführt, tasten. Wenn der Leser dagegenmeinen sollte, es bedürfe nur eines geschwinden Sprungs,einer frohmüthigen That, wenn er etwa mit einer neuenvon Staatswegen eingeführtenOrganisation alles Wesent-liche für erreicht hielte, so müssen wir fürchten, dass erwieder den Autor noch das eigentliche Problem ver-standen hat.

Endlich ergeht die dritte und wuchtigste Forderungan ihn, dass er auf keinen Fall, nach Art des modernenMenschen, sich selbst und seineBildung unausgesetzt,etwa als Maassstab, dazwischen bringe, als ob er damitein Kriterium aller Dinge besässe. Wir wünschen, ermöge gebildet genug sein, um von seiner Bildung rechtgering, ja verächtlich zu denken. Dann dürfte er wohlam zutraulichsten sich der Führung des Verfassers hin-geben, der es gerade nur von dem Nichtwissen und vondem Wissen des Nichtwissens aus wagen durfte, zu ihmzu reden. Nichts anderes will er vor den übrigen fürsich in Anspruch nehmen, als ein stark erregtes Gefühlfür das Specifische unserer gegenwärtigen Barbarei, fürdas, was uns als die Barbaren des neunzehnten Jahr-hunderts vor anderen Barbaren auszeichnet.

Nun sucht er, mit diesem Buche in der Hand, nachsolchen, die von einem ähnlichen Gefühle hin- und her-getrieben werden. Lasst euch finden, ihr Vereinzelten,an deren Dasein ich glaube! Ihr Selbstlosen, die ihr dieLeiden der Verderbniss des deutschen Geistes an euch