Druckschrift 
9 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 1 (1903) Aus den Jahren 1869 - 1872
Entstehung
Seite
417
Einzelbild herunterladen
 

4i7

zeitig am Widerstande der stumpfen Welt verzehrtenSchiller, der ihm hätte Führer, Meister, Organisator seinkönnen und den er jetzt mit so herzlichem Ingrimmevermisste.

Denn das war das Yerhängniss jener ahnungsvollenStudenten: sie fanden die Führer nicht, die sie brauchten.Allmählich wurden sie unter einander selbst unsicher,uneins, unzufrieden; unglückliche Ungeschicktheiten ver-riethen nur zu bald, dass es an dem alles überschatten-den Genius in ihrer Mitte mangele: und jene mysteriöseBlutthat verrieth neben einer erschreckenden Kraft aucheine erschreckende Gefährlichkeit jenes Mangels. Siewaren führerlos und darum giengen sie zu Grunde.

Denn ich wiederhole es, meine Freunde! alleBildung fängt mit dem Gegentheile alles dessen an, wasman jetzt als akademische Freiheit preist, mit dem Ge-horsam, mit der Unterordnung, mit der Zucht, mit derDienstbarkeit. Und wie die grossen Führer der Ge-führten bedürfen, so bedürfen die zu Führenden derFührer: hier herrscht in der Ordnung der Geister einegegenseitige Prädisposition, ja eine Art von prästabilirterHarmonie. Dieser ewigen Ordnung, zu der mit natür-gemässem Schwergewichte die Dinge immer wieder hin-streben, will gerade jene Cultur störend und vernichtendentgegenarbeiten, jene Cultur, die jetzt auf dem Throneder Gegenwart sitzt. Sie will die Führer zu ihrem Frohn-dienste erniedrigen oder sie zum Verschmachten bringen:sie lauert den zu Führenden auf, wenn sie nach ihremprädestinirten Führer suchen, und übertäubt durch be-rauschende Mittel ihren suchenden Instinct. Wenn abertrotzdem die für einander Bestimmten sich kämpfend undverwundet zusammengefunden haben, dann giebt es eintief erregtes wonniges Gefühl, wie bei dem Erklingen

Nietzsche, Werke II. Abtheilung Band IX. 27