403
Ich setzte die Rede meines Kameraden fort. „Esscheint mir sogar,“ sagte ich, „dass alles das, was Sie,gewiss mit Recht, an dem Gymnasium zu tadeln haben,nur nothwendige Mittel sind, um, für ein so jugendlichesAlter, eine Art von Selbständigkeit und mindestens denGlauben daran zu erzeugen. Dieser Selbständigkeit sollder deutsche Unterricht dienen: das Individuum mussseiner Ansichten und Absichten zeitig froh werden, umohne Krücken, allein gehen zu können. Deshalb wirdes schon frühe zur Production und noch früher zuscharfer Beurtheilung und Kritik an gehalten. Wenn dielateinischen und griechischen Studien auch nicht im Standesind, den Schüler für das ferne Alterthum zu entzünden,so erwacht doch wohl, bei der Methode, mit der sie be-trieben werden, der wissenschaftliche Sinn, die Lust anstrenger Causalität der Erkenntniss, die Begier zumFinden und Erfinden: wie viele mögen durch eine aufdem Gymnasium gefundene, mit jugendlichem Tasten er-haschte neue Lesart zu den Reizungen der Wissenschaftdauernd verführt worden sein! Vielerlei muss der Gym-nasiast lernen und in sich einsammeln: dadurch wirdwahrscheinlich allgemach ein Trieb erzeugt, von dem ge-leitet er dann auf der Universität selbständig in ähnlicherWeise lernt und einsammelt Kurz, wir glauben, esmöge die Gymnasialtendenz sein, den Schüler so vorzu-bereiten und einzugewöhnen, dass er nachher so selbständigweiter lebe und lerne, wie er unter dem Zwange derGymnasialordnung leben und lernen musste.“
Der Philosoph lachte hierauf, doch nicht gerade gut-müthig, und versetzte: „Da habt ihr mir sogleich eineschöne Probe dieser Selbständigkeit gegeben. Und geradediese Selbständigkeit ist es, die mich so erschreckt undmir die Nähe von Studirenden der Gegenwart immer so
26*