395
strebenden, wilden und ungeberdigen Rosse rechte Mühe,das Plato auch beschrieben hat und von dem er sagt,es sei schief und ungeschlacht, mit starrem Nacken,kurzem Hals und platter Nase, schwarz gefärbt, grauenblutunterlaufenen Auges, an den Ohren struppicht undschwerhörig, zu Frevel und Unthat allezeit bereit undkaum durch Geissei und Stachelstab lenkbar. DenkenSie sodann daran, wie lange ich von Ihnen entfernt ge-lebt habe und wie gerade auch an mir alle jene Ver-führungskünste sich erproben konnten, von denen Sieredeten, vielleicht doch nicht ohne einigen Erfolg, wennauch fast unbemerkt vor mir selber. Ich begreife geradejetzt stärker als je, wie nothwendig eine Institution ist,welche es nur ermöglicht, mit den seltenen Männernwahrer Bildung zusammenzuleben, um an ihnen Führerund Leitsterne zu haben. Wie stark empfinde ich dieGefahr des einsamen Wanderns! Und wenn ich, wie ichIhnen sagte, aus dem Gewühl und der directen Berührungmit dem Zeitgeiste mich durch Flucht zu retten wähnte,so war selbst diese Flucht eine Täuschung. Fortwährend,aus unzähligen Adern, mit jedem Athemzuge quillt jeneAtmosphäre in uns hinein, und keine Einsamkeit ist ein-sam und ferne genug, wo sie uns nicht, mit ihren Nebelnund Wolken, zu erreichen wüsste. Als Zweifel, als Ge-winn, als Hoffnung, als Tugend verkleidet, in derwechselreichsten Maskentracht umschleichen uns dieBilder jener Cultur: und selbst hier in Ihrer Nähe, das heisstgleichsam an der Hand eines wahren Bildungseremitenwusste uns jene Gaukelei zu verführen. Wie beständigund treu muss jene kleine Schaar einer fast sectirerisch zunennenden Bildung unter sich wachen! Wie sich gegen-seitig stärken! Wie streng muss hier der Fehltrittgerügt, wie mitleidig verziehn werden! So verzeihen
4