Druckschrift 
9 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 1 (1903) Aus den Jahren 1869 - 1872
Entstehung
Seite
385
Einzelbild herunterladen
 

385

oder lastet schwer auf meiner Brust, das ist ein Panzer-hemd, durch das ich niedergedrückt werde, ein Schwert,das ich nicht schwingen kann.

Plötzlich waren wir drei, angesichts des Philosophen,einmüthig, und uns gegenseitig stimulirend und ermuthi-gend brachten wir etwa Folgendes gemeinschaftlich vor,während wir mit dem Philosophen auf der baumfreienFläche, die uns an jenem Tage als Schi essplatz gedienthatte, langsam auf- und abgiengen, in völlig schweigsamerNacht und unter einem ruhig ausgespannten Sternen-himmel.

Sie haben so viel vom Genius gesprochen, sagtenwir etwa,von seiner einsamen beschwerlichen Wande-rung durch die Welt, als ob die Natur nur immer dieäussersten Gegensätze producire, einmal die stumpfeschlafende, durch Instincte fortwuchernde Masse und dannin ungeheurer Entfernung davon, die grossen contempla-tiven,, zu ewigen Schöpfungen ausgerüsteten Einzelnen.Nun aber nennen Sie diese selbst die Spitze der intellec-tuellen Pyramide: es scheint doch, dass vom breitenschwerbelasteten Fundamente aus bis zu dem frei ragen-den Gipfel zahllose Zwischengrade nöthig sind, und dassgerade hier der Satz gelten muss: natura non facit saltus.Wo aber beginnt nun das, was Sie Bildung nennen, bei >welchen Quadern scheidet sich die Sphäre, die von untenher und die andere, die von oben her beherrscht wird?Und wenn nur bei diesen entlegensten Naturen wahr-haft vonBildung geredet werden darf, wie will manauf das unberechenbare Dasein solcher Naturen Institu-tionen gründen, wie darf man über Bildungsanstaltennachdenken, die eben nur jenen Auserwählten zu gutekämen? Vielmehr dünkt es uns, dass gerade diese ihrenWeg zu finden wissen, und dass darin ihre Kraft sich

Nietzsche, Werke II. Ahtheilung BandIX.