Druckschrift 
9 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 1 (1903) Aus den Jahren 1869 - 1872
Entstehung
Seite
386
Einzelbild herunterladen
 

386

zeigt, ohne solche Bildungskrücken, wie sie jeder anderebraucht, gehen zu können und so, ungestört, durch dasDrängen und Stossen der Weltgeschichte hindurchzu-schreiten, gleichsam wie ein Gespenst durch eine grossedichte Versammlung.

Derartiges brachten wir miteinander, ohne viel Ge-schick und Ordnung, vor, ja der Begleiter des Philosophengieng noch weiter und sagte zu seinem Lehrer:Nundenken Sie selbst an alle die grossen Genien, auf die wirgerade, als auf echte und treue Führer und Wegweiserjenes wahren deutschen Geistes stolz zu sein pflegen,deren Andenken wir durch Feste und Statuen ehren,deren Werke wir mit Selbstgefühl dem Auslande ent-gegenhalten: worin ist diesen eine solche Bildung, wieSie sie verlangen, entgegengekommen, inwiefern zeigensie sich ernährt und gereift an einer heimischen Bildungs-sonne? Und trotzdem sind sie möglich gewesen, undtrotzdem sind sie das geworden, was wir jetzt so zu ver-ehren haben, ja ihre Werke rechtfertigen vielleicht geradedie Form der Entwicklung, die diese edlen Naturen nahmen,ja selbst einen solchen Mangel an Bildung, den wir wohlbei ihrer Zeit und ihrem Volke zugeben müssen. Washatte Lessing, was hatte Winckelmann aus einer vor-handenen deutschen Bildung zu entnehmen? Nichts odermindestens ebensowenig als Beethoven, als Schiller, alsGoethe, als alle unsere grossen Künstler und Dichter.Vielleicht ist es ein Naturgesetz, dass immer erst diespäteren Generationen sich bewusst werden müssen, durchwelche himmlische Geschenke eine frühere ausgezeichnetworden sei.

Hier gerieth der philosophische Greis in heftigenZorn und schrie seinen Begleiter an:O du Lamm anEinfalt der Erkenntniss! O ihr insgesammt Säugethiere