Kunstgenusses entscheidet und zum Beispiel uns vomBesuch der shakespeareschen Aufführungen abhält, weilwir für uns selbst jenen moralischen Urgenuss uns vielreiner und stärker erzeugen können.
Damit ist für unsere gegenwärtige Kunst der merk-würdige Satz ausgesprochen, dass das Kunstpublicumvor allem ein moralisches Wesen ist, und dass dieKünstler bereit sein müssen, vor ein Forum sich ziehenzu lassen, das im Grunde nichts mit der Kunst zu thunhat. Dieses Publicum kann dabei ein recht unmoralischesWesen sein, gerade weil es gar nicht im Stande ist,etwas Künstlerisches anders als mit ihren Willens-, Strebens-und Pflichtregungen zu erfassen. Ja man kann schona priori behaupten, dass die wirklich gefeierten Künstlerihre Verehrung von jenen Fundamenten aus sich er-werben und selbst gerade als moralische Wesen und ihreKunstwerke als moralische Weltspiegelungen genossenwerden.
Der deutlichste Ausdruck für diese Thatsache istdie Stellung der Gegenwart zu Richard Wagner. DieBegeisterung, die seine musikalischen Dramen finden,erklärt sich aus denselben moralischen Erregungen:und sie begeistern gerade aus den Gründen, aus denender dar gestellte Shakespeare missfällt. Jene Aufführungenerregen nämlich das moralische Pathos unendlich stärkerals die bloss vorgestellten aus Clavierauszügen imaginirtenDramen. So erweisen sie sich als die vollkommensteÜbereinstimmung des Publicums mit dem Kunstwerk inder Gegenwart: welchen Gründen nun nachzuspürenist. — Die Gegner dieser Wirkungen, soweit sie nichtlügen, stehen eben ausserhalb jener Instincte, um derenErklärung es sich handelt. —