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9 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 1 (1903) Aus den Jahren 1869 - 1872
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225
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man mag sie stossen, schrauben, foltern: als Ton, alsTrommelwirbel, auf ihren rohesten und einfachsten Stufenüberwindet sie noch die Dichtung und erniedrigt sie zuihrem Wiederschein. Die Oper als Kunstgattung nachjenem Begriff ist somit nicht sowohl Verirrung der Musik,als eine irrthümliche Vorstellung der Ästhetik. Wennich übrigens hiermit das Wesen der Oper für die Ästhe-tik rechtfertige, so bin ich natürlich weit entfernt, damitschlechte Opernmusik oder schlechte Operndichtungenrechtfertigen zu wollen. Die schlechteste Musik kannimmer noch der besten Dichtung gegenüber den diony-sischen Weltuntergrund bedeuten, und die schlechtesteDichtung Spiegel, Abbild und Wiederschein dieses Unter-grundes sein, bei der besten Musik: so gewiss nämlichder einzelne Ton, dem Bild gegenüber, bereits dionysisch,und das einzelne Bild, sammt dem Begriff und Wort,der Musik gegenüber, bereits apollinisch ist. Ja selbstschlechte Musik sammt schlechter Poesie kann noch überdas Wesen der Musik und der Poesie belehren.

Wenn also zum Beispiel Schopenhauer die NormaBellinis als Erfüllung der Tragödie, hinsichtlich ihrerMusik und Dichtung, empfand, so war er, in seinerdionysisch-apollinischen Erregung und Selbstvergessen-heit, dazu völlig berechtigt, weil er Musik und Dichtungin ihrem allgemeinsten, gleichsam philosophischen Werthe,als Musik und Dichtung überhaupt, empfand: währender mit jenem Urtheil einen nur wenig gebildeten,d. h. historisch vergleichenden Geschmack bewies. Uns,die wir in dieser Untersuchung absichtlich jeder Fragenach dem historischen Werthe einer Kunsterscheinungaus dem Wege gehen und nur die Erscheinung selbst,in ihrer unveränderten gleichsam ewigen Bedeutung,somit auch in ihrem höchsten Typus, ins Auge zu

Nietzsche, Werke II. Abtheilung. Bd. IX. 15