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9 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 1 (1903) Aus den Jahren 1869 - 1872
Entstehung
Seite
222
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in Betreff der grossen Missa solemnis sagt, die ereinrein symphonisches Werk des echtesten BeethovenschenGeistes nennt. (Beethoven, S. 47.)Die Gesangstimmensind hier ganz im Sinne wie menschliche Instrumentebehandelt, welchen Schopenhauer diesen sehr richtig auchnur zugesprochen wissen wollte: der ihnen untergelegteText wird von uns, gerade in diesen grossen Kirchen-compositionen, nicht seiner begrifflichen Bedeutungnach aufgefasst, sondern er dient, im Sinne des musika-lischen Kunstwerkes, lediglich als Material für den Stimm-gesang und verhält sich nur deswegen nicht störend zuunsrer musikalisch bestimmten Empfindung, weil er unskeineswegs Vernunftvorstellungen anregt, sondern, wiedies auch sein kirchlicher Charakter bedingt, uns nur mitdem Eindrücke wohlbekannter symbolischer Glaubens-formeln berührt. Übrigens zweifle ich nicht, dass Beet-hoven, falls er die projectirte zehnte Symphonie geschriebenhätte zu der noch Skizzen vorliegen, eben diezehnte Symphonie geschrieben haben würde.

Nahen wir uns jetzt, nach diesen Vorbereitungen,der Besprechung der Oper, um von ihr nachher zu ihremGegenbild in der griechischen Tragödie fortgehen zukönnen. Was wir im letzten Satze der Neunten, alsoauf den höchsten Gipfeln der modernen Musikentwicklung,zu beobachten hatten, dass der Wortinhalt ungehört indem allgemeinen Klangmeere untergeht, ist nichts Ver-einzeltes und Absonderliches, sondern die allgemeine undewig gültige Norm in der Vocalmusik aller Zeiten, diedem Ursprünge des lyrischen Liedes einzig gemäss ist.Der dionysisch erregte Mensch hat ebensowenig wie dieorgiastische Volksmasse einen Zuhörer, dem er etwasmitzutheilen hätte: wie ihn allerdings der epische Er-zähler und überhaupt der apollinische Künstler voraus-