meere überfluthet wird, wer möchte mir dieses aller-sicherste Gefühl rauben? Ja wer möchte mir überhauptstreitig machen können, dass jenes Gefühl beim Anhörendieser Musik nur deshalb nicht zum schreienden Aus-druck kommt, weil wir, durch die Musik für Bild undWort völlig depotenzirt, bereits gar nichts von demGedichte Schiller’s hören? Aller jener edle Schwung,ja die Erhabenheit der Schiller’schen Verse wirkt schonneben der wahrhaft naiv-unschuldigen Volksmelodie derFreude störend, beunruhigend, selbst roh und beleidigend:nur dass man sie nicht hört, bei der immer volleren Ent-faltung des Chorgesanges und der Orchestermassen, hältjene Empfindung der Incongruenz von uns fern. Wassollen wir also von jenem ungeheuerlichen ästhetischenAberglauben halten, dass Beethoven mit jenem viertenSatz der Neunten selbst ein feierliches Bekenntniss überdie Grenzen der absoluten Musik abgegeben, ja mit ihmdie Pforten einer neuen Kunst gewissermaassen entriegelthabe, in der die Musik sogar das Bild und den Begriffdarzustellen befähigt und damit dem „bewussten Geiste“erschlossen worden sei? Und was sagt uns Beethovenselbst, indem er diesen Chorgesang durch ein Recitativeinführen lässt: „Ach Freunde, nicht diese Töne, sondernlasst uns angenehmere anstimmen und freudenvollere“!Angenehmere und freudenvollere! Dazu brauchte er denüberzeugenden Ton der Menschenstimme, dazu brauchteer die Unschuldsweise des Volksgesanges. Nicht nachdem Wort, aber nach dem „angenehmeren“ Laut, nichtnach dem Begriff, aber nach dem innig-freudenreichstenTone griff der erhabene Meister in der Sehnsucht nachdem seelenvollsten Gesammtklange seines Orchesters.Und wie konnte man ihn missverstehn! Vielmehr giltvon diesem Satze genau dasselbe, was Richard Wagner
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9 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 1 (1903) Aus den Jahren 1869 - 1872
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221
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