Versenken und interesselose Anschauen des Künstlers.Hier möchte man mir etwa erwidern, dass ich ja selbstsoeben vom „Willen“ ausgesagt habe, er komme in derMusik zu einem immer adäquateren symbolischen Aus-druck. Meine Antwort, in einen ästhetischen Grundsatzzusammengefasst, ist diese: der Wille ist Gegenstandder Musik, aber nicht Ursprung derselben, nämlichder Wille in seiner allergrössten Allgemeinheit, als dieursprünglichste Erscheinungsform, unter der alles Werdenzu verstehn ist. Das, was wir Gefühle nennen, ist, hin-sichtlich dieses Willens, bereits schon mit bewussten undunbewussten Vorstellungen durchdrungen und gesättigtund deshalb nicht mehr direct Gegenstand der Musik:geschweige denn, dass es diese aus sich erzeugen könnte.Man nehme beispielsweise die Gefühle von Liebe, Furchtund Hoffnung: die Musik kann mit ihnen auf directemWege gar nichts mehr anfangen, so erfüllt ist ein jedesdieser Gefühle schon mit Vorstellungen. Dagegen könnendiese Gefühle dazu dienen, die Musik zu symbolisiren:wie dies der Lyriker thut, der jenes begrifflich und. bild-lich unnahbare Bereich des „Willens“, den eigentlichenInhalt und Gegenstand der Musik, sich in die Gleichniss-welt der Gefühle übersetzt. Dem Lyriker ähnlich sindalle diejenigen Musikhörer, welche eine Wirkung derMusik auf ihre Affecte spüren: die entfernte undentrückte Macht der Musik appellirt bei ihnen an einZwischenreich, das ihnen gleichsam einen Vorgeschmack,einen symbolischen Vorbegriff der eigentlichen Musikgiebt, an das Zwischenreich der Affecte. Von ihnendürfte man, im LIinblick auf den „Willen“, den einzigenGegenstand der Musik, sagen, sie verhielten sich zudiesem Willen, wie der analogische Morgentraum, nachder schopenhauerischen Theorie, zum eigentlichen Traume.
Druckschrift
9 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 1 (1903) Aus den Jahren 1869 - 1872
Entstehung
Seite
218
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten