Wer uns in diese schwierigen Betrachtungen bereit-willig, aufmerksam und mit einiger Phantasie gefolgt ist— auch mit Wohlwollen ergänzend, wo der Ausdruckzu knapp oder zu unbedingt ausgefallen ist — der wirdnun mit uns den Vortheil haben, einige aufregende Streit-fragen der heutigen Ästhetik und noch mehr der gegen-wärtigen Künstler sich ernsthafter vorlegen und tieferbeantworten zu können, als dies gemeinhin zu geschehenpflegt. Denken wir uns, nach allen Voraussetzungen,welch ein Unterfangen es sein muss, Musik zu einemGedichte zu machen, d. h. ein Gedicht durch Musikillustriren zu wollen, um damit der Musik zu einer Begriffs-sprache zu verhelfen: welche verkehrte Welt! Ein Unter-fangen, das mir vorkommt als ob ein Sohn seinen Vaterzeugen wollte! Die Musik kann Bilder aus sich erzeugen,die dann immer nur Schemata, gleichsam Beispiele ihreseigentlichen allgemeinen Inhaltes sein werden. Wie abersollte das Bild, die Vorstellung aus sich heraus Musikerzeugen können! Geschweige denn, dass dies der Be-griff oder, wie man gesagt hat, die „poetische Idee“ zuthun im Stande wäre. So gewiss aus der mysteriösenBurg des Musikers eine Brücke in’s freie Land der Bilderführt — und der Lyriker schreitet über sie hin —, sounmöglich ist es, den umgekehrten Weg zu gehen, ob-schon es einige geben soll, welche wähnen, ihn gegangenzu sein. Man bevölkere die Luft mit der Phantasie einesRafael, man schaue, wie er, die heilige Cäcilia entzücktden Harmonien der Engelchöre lauschen — es dringtkein Ton aus dieser in Musik scheinbar verlorenen Welt,ja stellten wir uns nur vor, dass jene Harmonie wirklich,durch ein Wunder, uns zu erklingen begänne, wohinwären uns plötzlich Cäcilia, Paulus und Magdalena, wohinselbst der singende Engelchor verschwunden! Wir
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9 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 1 (1903) Aus den Jahren 1869 - 1872
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216
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