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Dies ist zunächst Befreiung von der eignen Indivi-dualität, also Sichversenken in eine Vorstellung. Hiersehen wir, wie die Vorstellung im Stande ist, die Willens-äusserungen zu differenziren: wie aller Charakter eineinnerliche Vorstellung ist. Diese innerliche Vorstellungist offenbar nicht identisch mit unserm bewussten Denkenüber uns.
Diese Einkehr in fremde Individualität ist nunKunstgenuss ebenfalls, d. h. die Willensäusserungenwerden durch eine immer sich vertiefende Vorstellungendlich andere, das heisst differenzirt und schliesslichzum Schweigen gebracht.
Die Verstellung, im Dienste des Egoismus, zeigt jaauch die Macht der Vorstellung, die Willensäusserungenzu differenziren.
Der Charakter scheint also eine über unser Trieb-leben ausgegossene Vorstellung zu sein, unter der alleÄusserungen jenes Trieblebens an’s Licht treten. DieseVorstellung ist der Schein und jenes die Wahrheit: jenesdas Ewige, der Schein das Vergängliche. Der Willedas Allgemeine, die Vorstellung das Differenzirende. DerCharakter ist eine typische Vorstellung des Ur-Einen,die wir dagegen nur als Vielheit von Äusserungen kennenlernen.
Jene UrVorstellung, die den Charakter ausmacht, istnun auch die Mutter aller moralischen Phänomene.Und jede zeitweilige Aufhebung des Charakters (imKunstgenuss, in der Improvisation) ist eine Veränderungdes moralischen Charakters. Es ist die mit der Vor-stellung, dem Scheine verknüpfte Welt des Besten,aus der das moralische Phänomen entsteht. Die Schein-welt der Vorstellung geht ja auf Welterlösung und Welt-vollendung hinaus. Diese Weltvollendung würde liegen
Nietzsche, Werke II. Abtheilung. Bd. IX. j.