J 59
gegen sich selbst zu wüthen anfängt und die Zähne indas eigne Fleisch schlägt. Diese blutige Eifersucht vonStadt auf Stadt, von Partei auf Partei, diese mörderischeGier jener kleinen Kriege, der tigerartige Triumph aufdem Leichnam des erlegten Feindes, kurz die unablässigeErneuerung jener trojanischen Kampf- und Greuelscenen,in deren Anblick Homer lustvoll versunken, als echterHellene, vor uns steht — wohin deutet diese naive Bar-barei des griechischen Staates, woher nimmt er seineEntschuldigung vor dem Richterstuhle der ewigen Ge-rechtigkeit? Stolz und ruhig tritt der Staat vor ihn hin:und an der Hand führt er das herrlich blühende Weib,die griechische Gesellschaft. Für diese Helena führteer jene Kriege — welcher graubärtige Richter dürftehier verurtheilen? —
Bei diesem geheimnissvollen Zusammenhang, den wirhier zwischen Staat und Kunst, politischer Gier und künst-lerischer Zeugung, Schlachtfeld und Kunstwerk ahnen,verstehen wir, wie gesagt, unter Staat nur die eiserneKlammer, die den Gesellschaftsprocess erzwingt: währendohne Staat, im natürlichen bellum omnium contra omnes,die Gesellschaft überhaupt nicht in grösserem Maasseund über das Bereich der Familie hinaus Wurzel schlagenkann. Jetzt, nach der allgemein eingetretenen Staaten-bildung, concentrirt sich jener Trieb des bellum omniumcontra omnes von Zeit zu Zeit zum schrecklichen Kriegs-gewölk der Völker und entladet sich gleichsam in selt-neren, aber um so stärkeren Schlägen und Wetter strahlen.In den Zwischenpausen aber .ist der Gesellschaft doch Zeitgelassen, unter der nach innen gewendeten zusammen-gedrängten Wirkung jenes bellum, allerorts zu keimen undzu grünen, um, sobald es einige wärmere Tage giebt, dieleuchtenden Blüthen des Genius hervorspriessen zu lassen.