Mein edler Freund, ob ich wohl bis hierher michauch in Ihrem Sinne geäussert habe? Fast möchte ich’svermuthen: und jeder Blick, den ich in Ihren „Beethoven“werfe, führt mir auch die Worte zu: „der Deutsche isttapfer: sei er es denn auch im Frieden. Verschmähe er es,etwas zu scheinen, was er nicht ist. Die Natur hat ihmdas Gefällige versagt; dafür ist er innig und erhaben.“Diese Tapferkeit, sammt den letztgenannten Eigen-schaften, ist das andere Unterpfand meiner Hoffnungen.Wenn es wahr ist, was mein Glaubensbekenntniss ge-nannt sein mag, dass jede tiefere Erkenntniss schrecklichist, wer anders als der Deutsche wird jenen tragischenStandpunkt der Erkenntniss einnehmen können, den ichals Vorbereitung des Genius, als das neue Bildungszieleiner edel strebenden Jugend fordere? Wer anders alsder deutsche Jüngling wird die Unerschrockenheit desBlicks und den heroischen Zug in’s Ungeheure haben,um allen jenen schwächlichen Bequemlichkeitsdoctrinendes liberalen Optimismus in jeder Form den Rücken zukehren und im Ganzen und Vollen „resolut zu leben“?Wobei nicht ausbleiben wird, dass er, der tragischeMensch, bei seiner Selbsterziehung zum Ernst und zumSchrecken, auch die von uns gemeinte griechische Heiter-keit als Helena begehren und mit Faust ausrufen muss:
Und sollt’ ich nicht, sehnsüchtigster Gewalt,
In’s Leben ziehn die einzigste Gestalt?
Friedrich Nietzsche.
Lugano am 22 . Februar 1871,
am Geburtstage Schopenhauer’s.