— log —
68 .
Es ist naiv zu glauben, dass wir je aus diesem Meerder Illusion herauskommen könnten. Die Erkenntniss istvöllig unpraktisch.
Ein Individuum soll dienstbar dem Gesammtzwecksein: ohne ihn zu erkennen. Dies thut jedes Thier, jedePflanze. Beim Menschen kommt nun, im bewusstenDenken, ein Scheinzweck hinzu, ein vorgeschobner Wahn:der Einzelne glaubt etwas für sich zu erreichen.
Wir wehren uns gegen den Instinct, als etwas Thie-risches. Darin liegt selbst ein Instinct. Der natürlicheMensch empfindet eine starke Kluft zwischen sich unddem Thier; im Begriff es sich deutlich zu machen, worindie Kluft bestehe, verfällt er auf dumme Unterscheidungen.Die Wissenschaft lehrt den Menschen, sich als Thier zubetrachten. Er wird nie darnach handeln. Die Inderhaben die richtigste Einsicht, intuitiv und handeln darnach.
(„Mensch“ bedeutet „Denker“: da steckt die Ver-rücktheit.)
69.
Die Scham: das Gefühl unter dem Banne der Illu-sion zu stehen, obwohl wir sie durchschauen.
Mit dieser Empfindung müssen wir leben, müssenwir unsre irdischen Pläne fördern. Sie ist ein Tribut, denwir dem Individuationsprincip zollen. Unser Verkehren mitMenschen hat diese zarte Haut um sich — für den tragischenMenschen nämlich.
*
70.
Das höchste Zeichen des Willens: der Glaubean die Illusion und der theoretische Pessimismus beisstsich selbst in den Schwanz.