uns wirklich beim Lesen einer sophokleischen Tragödieein verwirrender Gesammteindruck entsteht. Es ist uns,als ob alle diese Figuren nicht am Tragischen, sondernan einer Superf®tatien des Logischen zu Grunde giengen.Man mag nur einmal vergleichen, wie ganz anders dieHelden Shakespeare’s dialektisiren: über allem ihremDenken, Yermuthen und Schliessen liegt eine gewissemusikalische Schönheit und Verinnerlichung ausgegossen,während in der späteren griechischen Tragödie ein sehrbedenklicher Dualismus des Stils herrscht, hier die Machtder Musik, dort die der Dialektik. Letztere dringt immerübermächtiger vor, bis sie auch in dem Bau des ganzenDramas das entscheidende Wort spricht. Der Processendet mit dem Intriguenstück: damit erst ist jener Dua-lismus vollständig überwunden, in Folge totaler Vernich-tung des einen Wettkämpfers, der Musik.
Das sokratische Bewusstsein und sein optimistischerGlaube an den nothwendigen Verband von Tugend undWissen, von Glück und Tugend hat bei einer grossenAnzahl der euripideischen Stücke die Wirkung gehabt,dass am Schlüsse sich die Aussicht auf eine ganz behag-liche Weiterexistenz, zumeist mit einer Heirath öffnet.Sobald der Gott auf der Maschine erscheint, merken wir,dass hinter der Maske Sokrates steckt und Glück undTugend auf seiner Wage in Gleichgewicht zu bringensucht. Jedermann kennt die sokratischen Sätze: „Tugendist Wissen: es wird nur gesündigt aus Unwissenheit. DerTugendhafte ist der Glückliche.“ In diesen drei Grund-formen des Optimismus ruht der Tod der pessimistischenTragödie. Lange vor Euripides haben diese Anschauungen