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9 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 1 (1903) Aus den Jahren 1869 - 1872
Entstehung
Seite
55
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Sokratismus nicht dem Aristophanes Recht geben, wenner den Chor singen lässt:

Heil, wer nicht bei Sokratessitzen mag und reden mag,

nicht die Musenkunst verdammtund das Höchste der Tragödienicht verächtlich übersieht!

Eitel Narrheit ist es doch,

auf gespreizte hohle Redenund abstractes Spintisireneinen müssigen Fleiss zu wenden ! w

In Sokrates hat sich jene eine Seite des Hellenischen,jene apollinische Klarheit, ohne jede fremdartige Bei-mischung, verkörpert: wie ein reiner durchsichtiger Licht-strahl erscheint er, als Vorbote und Herold der Wissen-schaft, die ebenfalls in Griechenland geboren werdensollte. Die Wissenschaft aber und die Kunst schliessensich aus: von diesem Gesichtspunkte ist es bedeutsam,dass Sokrates der erste grosse Hellene ist, welcher häss-lich war; wie an ihm eigentlich alles symbolisch ist. Erist der Vater der Logik, die den Charakter der Wissen-schaft am allerschärfsten darstellt: er ist der Vernichterdes Musikdramas, das die Strahlen der ganzen altenKunst in sich gesammelt hatte.

Das letztere ist er noch in einem viel tieferen Sinneals bis jetzt angedeutet werden konnte. Der Sokratis-mus ist älter als Sokrates; sein die Kunst auf lösenderEinfluss macht sich schon viel früher bemerklich. Dasihm eigenthümliche Element der Dialektik hat sich be-reits lange Zeit vor Sokrates in das Musik-Drama ein-geschlichen und verheerend in dem schönen Körper