Druckschrift 
9 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 1 (1903) Aus den Jahren 1869 - 1872
Entstehung
Seite
48
Einzelbild herunterladen
 

4 8

gruppirt sind, machen die Darstellungen zu farbigen Ge-mälden, so lebendig sie nur sein können. Die schmaleantike Bühne mit der nahe vorgerückten Hinterwand,machte die wenigen, sich gemessen bewegenden Figurenzu lebenden Basreliefs oder belebten Marmorbildern einesTempelgiebels. Hätte ein Wunder jenen Marmorgestaltendes Streites zwischen Athene und Poseidon im Parthenon-giebel Leben eingehaucht, sie würden wohl die Sprachedes Sophokles gesprochen haben.

Ich kehre zu dem vorhin angedeuteten Gesichts-punkte zurück, dass im griechischen Drama der Accentauf dem Erleiden, nicht auf dem Handeln ruht: jetzt wirdes leichter sein zu begreifen, weshalb ich meine, dass wirgegen Äschylus und Sophokles ungerecht sein müssen,dass wir sie eigentlich nicht kennen. Wir haben näm-lich keinen Maassstab, das Urtheil des attischen Publikumsüber ein Dichterwerk zu controliren, weil wir nicht wissenoder nur zum geringsten Theile wissen, wie das Erleiden,überhaupt das Gefühlsleben in seinen Ausbrüchen, zumergreifenden Eindrücke gebracht wurde. Wir sind einergriechischen Tragödie gegenüber incompetent, weil ihreHauptwirkung zu einem guten Theil auf einem Elementberuhte, das uns verloren gegangen ist, auf der Musik.Für die Stellung der Musik zum alten Drama gilt voll-kommen, was Gluck in der berühmten Vorrede zu seinerAlceste als Forderung ausspricht. Die Musik sollte dieDichtung unterstützen, den Ausdruck der Gefühle unddas Interesse der Situationen verstärken, ohne dieHandlung zu unterbrechen oder durch unnütze Ver-zierungen zu stören. Sie sollte für die Poesie das sein,was die Lebhaftigkeit der Farben und eine glücklicheMischung von Schatten und Licht für eine fehlerfreieund wohlgeordnete Zeichnung sind, welche nur dazu