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9 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 1 (1903) Aus den Jahren 1869 - 1872
Entstehung
Seite
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kum, das jedes Übermaass im Ton, jeden unrichtigenAccent unerbittlich ahndete, in Athen, wo nach LessingsAusdruck selbst der Pöbel ein feines und zärtliches Ur-theil hatte. Welche Concentration und Übung der Kräfte,welche langwierige Vorbereitung, welchen Ernst und En-thusiasmus im Erfassen der künstlerischen Aufgabe müssenwir hier voraussetzen, kurz welch ein ideales Schauspieler-thum! Hier waren Aufgaben für die edelsten Bürgergestellt, hier entwürdigte sich, auch im Falle des Miss-lingens ein Marathonkämpfer nicht, hier empfand derSchauspieler, wie er in seinem Kostüm eine Erhebungüber die alltägliche Menschenbildung darstellte, auch insich einen Aufschwung, in dem die pathetischen, schwer-wuchtigen Worte desÄschylus ihm eine natürliche Sprachesein mussten.

Weihevoll aber gleich dem Schauspieler lauschte auchder Zuhörer: auch über ihn breitete sich eine ungewöhn-liche langersehnte Feststimmung aus. Nicht die ängst-liche Flucht vor der Langeweile, der Wille sich und seineErbärmlichkeit um jeden Preis für einige Stunden los zusein, trieb jene Männer ins Theater. Der Grieche flüchtetesich aus der ihm so gewohnten zerstreuenden Öffentlich-keit, aus dem Leben in Markt, Strasse und Gerichtshalle,in die ruhig stimmende, zur Sammlung einladende Feier-lichkeit der Theaterhandlung: nicht wie der alte Deutsche,der Zerstreuung begehrte, wenn er den Cirkel seinesinnerlichen Daseins einmal zerschnitt, und der die rechtelustige Zerstreuung in der gerichtlichen Wechselredefand, die deshalb auch für sein Drama Form und At-mosphäre bestimmte. Die Seele des Atheners dagegen,der die Tragödie an den grossen Dionysien anzuschauenkam, hatte in sich noch etwas von jenem Element, ausdem die Tragödie geboren ist. Es ist dies der über-