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9 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 1 (1903) Aus den Jahren 1869 - 1872
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Seitdem die Litteraturgeschichte aufgehört hat, einRegister zu sein oder sein zu dürfen,, macht man Ver-suche, die Individualitäten der Dichter einzufangen undzu formuliren. Die Methode bringt einen gewissenMechanismus mit sich; es soll erklärt werden, es sollfolglich aus Gründen abgeleitet werden, warum dieseund jene Individualität sich so und nicht anders zeigt.Jetzt' benutzt man die biographischen Daten, die Um-gebung, die Bekanntschaften, die Zeitereignisse undglaubt aus der Mischung aller dieser Ingredienzien dieverlangte Individualität gebraut zu haben. Leider ver-gisst man, dass man eben den bewegenden Punkt, dasundefinirbar Individuelle nicht als Resultat herausbe-kommen kann. Je weniger nun über Zeit und Lebenfeststeht, um so weniger anwendbar ist jener Mechanis-mus. Hat man aber gar nur die Werke und den Namen,dann steht es schlimm um den Nachweis der Indivi-dualität, wenigstens für die Freunde jenes erwähntenMechanismus; ganz besonders schlimm, wenn die Werkerecht vollkommen sind, wenn sie Volksdichtungen sind.Denn woran jene Mechaniker am ersten noch das In-dividuelle fassen können, das sind die Abweichungenvom Volksgenius, die Auswüchse und verbogenen Linien;je weniger somit eine Dichtung Auswüchse hat, um soblasser wird die Zeichnung ihres Dichterindividuums aus-fallen.

Alle jene Auswüchse, alles Matte oder Maasslose, dasman in den homerischen Gedichten zu finden glaubte,war man sofort bereit, der leidigen Tradition beizumessen.Was blieb nun als das Individuell-Homerische zurück?Nichts als eine nach subjectiver Geschmacksrichtung aus-gewählte Reihe besonders schöner und hervortretenderStellen. Den Inbegriff von ästhetischer Singularität, die

Nietzsche, Werke II, Abtheilung Band IX. 2