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9 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 1 (1903) Aus den Jahren 1869 - 1872
Entstehung
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unvolksthümlichen Schöpfer zurückgeht, und in unvolks-thümlicher Atmosphäre, etwa in der Studirstube desGelehrten gezeitigt worden ist.

Mit dem Aberglauben, der eine dichtende Masseannimmt, hängt der andere zusammen, dass die Volks-dichtung auf einen gegebenen Zeitraum bei jedem Volkebeschränkt sei und nachher aussterbe: wie es allerdingsin der Consequenz jenes ersten Aberglaubens liegt. Andie Stelle dieser allmählich aussterbenden Volksdichtungtritt nach dieser Vorstellung die Kunstdichtung, dasWerk einzelner Köpfe, nicht mehr ganzer Massen. Aberdieselben Kräfte, die einstmals thätig waren, sind es auchjetzt noch; und die Form, in der sie wirken, ist genaunoch dieselbe geblieben. Der grosse Dichter eines lit-terarischen Zeitalters ist immer noch Volksdichter undin keinem Sinne weniger, als es irgend ein alter Volks-dichter in einer illitteraten Periode war. Der einzigeUnterschied zwischen beiden betrifft etwas ganz anderesals die Entstehungsart ihrer Dichtungen, nämlich dieFortpflanzung und Verbreitung, kurz die Tradition.Diese ist nämlich ohne Hülfe der fesselnden Buchstabenin ewigem Flusse und der Gefahr ausgesetzt, fremdeElemente, Reste jener Individualitäten in sich aufzu-nehmen, durch die der Weg der Tradition führt.

Wenden wir alle diese Sätze auf die homerischenDichtungen an, so ergiebt sich, dass wir mit der Theorievon der dichtenden Volksseele nichts gewinnen, dass wirunter allen Umständen verwiesen werden auf das dich-terische Individuum. Es entsteht also die Aufgabe, das Indi-viduelle zu fassen und es wohl zu unterscheiden von dem,was im Flusse der mündlichenTradition gewissermaassenangeschwemmt worden ist ein als höchst beträchtlichgeltender Bestandtheil der homerischen Dichtungen.