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9 : Abth. 2, Nachgelassene Werke ; Bd. 1 (1903) Aus den Jahren 1869 - 1872
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bewussten Völkertriebe heraus als die eigentlichen Trägerund Hebel der sogenannten Weltgeschichte. Aber dieneu aufleuchtende Flamme warf auch ihren Schatten:und dieser ist eben jener vorhin bezeichnete Aberglaube,der die Volksdichtung der Individualdichtung entgegen-stellt und dabei in bedenklichster Art den unklar ge-fassten Begriff der Volksseele zu dem des Volksgeisteserweitert. Durch den Missbrauch eines allerdings ver-führerischen Schlusses nach der Analogie war man dazugekommen, auch auf das Reich des Intellectes und derkünstlerischen Ideen jenen Satz von der grösseren In-dividualität anzuwenden, der seinen Werth nur im Reichedes Willens hat. Niemals ist der so unschönen und un-philosophischen Masse etwas Schmeichelhafteres angethanworden als hier, wo man ihr den Kranz des Genies aufdas kahle Haupt setzte. Man stellte sich ungefähr vor,als ob um einen kleinen Kern herum immer neue Rindensich ansetzen, man dachte sich jene Massendichtungenetwa entstanden, wie die Lawinen entstehen, nämlich imLaufe, im Fluss der Tradition. Jenen kleinen Kern aberwar man geneigt möglichst klein anzunehmen, so dassman ihn auch gelegentlich abrechnen konnte, ohne vonder gesammten Masse etwas zu verlieren. Dieser An-schauung ist also Überlieferung und Überliefertes ge-radezu dasselbe.

Nun aber existirt in der Wirklichkeit ein solcherGegensatz von Volksdichtung und Individualdichtunggar nicht: vielmehr braucht alle Dichtung, und natürlichauch die Volksdichtung, ein vermittelndes Einzelindivi-duum. Jene meist missbräuchliche Gegenüberstellung hatnur dann einen Sinn, wenn man unter Individualdichtungeine Dichtung versteht, die nicht auf dem Boden volks-thümlicher Empfindung erwachsen ist, sondern auf einen