XIV
ernsthafterweise mitreden, der nicht gerade diese Abthei-lung gelesen und gründlich studirt hat.
Speciell Band IX und X, von denen allein hier ge-redet werden soll, müssen dem denkenden Betrachter einInteresse eigenster Art bieten. Es ist der „erste Nietzsche“,der hier redet, der Freund Richard Wagner’s, der Nietzsche,den Erwin Rohde schwärmerisch geliebt hat. Der jungeNietzsche, der hoffende, vertrauende, der mit einem un-geheuren Glauben an seine Ideale und seine Freundemuthig auf die Zukunft losgieng, der Kämpfer, dersich in den ersten siebziger Jahren im Gefühl seinerüppigsten Kraft befindet, so wie er einmal bei einem Be-such in Basel einem Freunde erschien: „feurig, elastisch,selbstbewusst wie ein junger Löwe“.
Man sieht in diesen Bänden, welche Fülle vonPlänen in dem jungen Kämpfer gährt und schwillt, wiedie Ideen Zuströmen und überströmen, und gleich dieJahre 70—72 sind erstaunlich reich an Entwürfen, die in’sWeiteste und Fernste streben. Im Januar 72 schreibt er anGersdorff Briefb. I 3 , 203: „Man erlebt so viel! JederTag bringt etwas Ungewöhnliches!“ und an RohdeBriefb. II, 285: „Ich lebe seit einiger Zeit in einemgrossen Strome: fast jeder Tag bringt etwas Erstaunliches,wie auch meine Ziele und Absichten sich erheben“. Mansieht in diesen Bänden den Schritt vom Philologen zumPhilosophen, man sieht, wie der Philosoph zum Kritiker undAnkläger der zeitgenössischen Cultur wird, man spürt aberauch schon, wie der „zweite“ Nietzsche wird, wie die grosseEnttäuschung und der grosse Ekel kommt, wie alles abfällt,die Ideale und Freunde der Jugend, der Beruf; wie dieKrankheit und die grosse Vereinsamung naht, zugleich mitder grossen Loslösung aber der heroische Entschluss, diessein Schicksal zu lieben, und das stolze Bewusstsein seiner