Druckschrift 
Die fröhliche Wissenschaft :
("la gaya scienza")
Entstehung
Seite
256
Einzelbild herunterladen
 

256

Gewissen unter allen Umständen nicht mehr Pflichtund Gewissen benennen: die Einsicht darüber, wie über-haupt jemals moralische Urtheile entstandensind, würde dir diese pathetischen Worte verleiden,so wie dir schon andre pathetische Worte, zum BeispielSünde,Seelenheil,Erlösung verleidet sind. Undnun rede mir nicht vom kategorischen Imperativ, meinFreund! diess Wort kitzelt mein Ohr, und ich musslachen, trotz deiner so ernsthaften Gegenwart: ich ge-denke dabei des alten Kant, der, zur Strafe dafür, dasserdas Ding an sich auch eine sehr lächerliche Sache! sich erschlichen hatte, vomkategorischen Impe-rativ beschlichen wurde und mit ihm im Herzen sichwieder zuGott,Seele,Freiheit undUnsterblich-keit zurück verirrte, einem Fuchse gleich, der sichin seinen Käfig zurückverirrt: und seine Kraftund Klugheit war es gewesen, welche diesen Käfig er-brochen hatte! Wie? Du bewunderst den kate-gorischen Imperativ in dir? DieseFestigkeit deinessogenannten moralischen Urtheils? DieseUnbedingt-heit des Gefühlsso wie ich, müssen hierin Alle ur-theilen? Bewundere vielmehr deine Selbstsucht darin!Und die Blindheit, Kleinlichkeit und Anspruchslosigkeitdeiner Selbstsucht! Selbstsucht nämlich ist es, sein Ur-theil als Allgemeingesetz zu empfinden; und eine blinde,kleinliche und anspruchslose Selbstsucht hinwiederum,weil sie verräth, dass du dich selber noch nicht entdeckt,dir selber noch kein eigenes, eigenstes Ideal geschaffenhast: diess nämlich könnte niemals das eines Anderensein, geschweige denn Aller, Aller! Wer noch ur-theiltso müsste in diesem Falle Jeder handeln, istnoch nicht fünf Schritt weit in der Selbsterkenntniss ge-gangen: sonst würde er wissen, dass es weder gleiche