Druckschrift 
Die fröhliche Wissenschaft :
("la gaya scienza")
Entstehung
Seite
255
Einzelbild herunterladen
 

Und inwiefern hast du ein Recht, ein solches Urtheilals wahr und untrüglich anzusehen? Für diesen Glauben giebt es da kein Gewissen mehr? Weisst du Nichtsvon einem intellectuellen Gewissen? Einem Gewissenhinter deinemGewissen? Dein Urtheilso ist es rechthat eine Vorgeschichte in deinen Trieben, Neigungen,Abneigungen, Erfahrungen und Nicht-Erfahrungen;wieist es da entstanden? musst du fragen, und hinterhernoch:was treibt mich eigentlich, ihm Gehör zu schenken?Du kannst seinem Befehle Gehör schenken, wie einbraver Soldat, der den Befehl seines Offiziers vernimmt.Oder wie ein Weib, das Den liebt, der befiehlt. Oderwie ein Schmeichler und Feigling, der sich vor demBefehlenden fürchtet. Oder wie ein Dummkopf, welcherfolgt, weil er Nichts dagegen zu sagen hat. Kurz, aufhundert Arten kannst du deinem Gewissen Gehör geben.Dass du aber diess und jenes Urtheil als Sprache desGewissens hörst, also, dass du Etwas als recht empfin-dest, kann seine Ursache darin haben, dass du nie überdich nachgedacht hast und blindlings annahmst, was dirals recht von Kindheit an bezeichnet worden ist: oderdarin, dass dir Brod und Ehren bisher mit Dem zu Theilwurde, was du deine Pflicht nennst, es gilt dir alsrecht, weil es dir deineExistenz-Bedingung scheint(dass du aber ein Recht auf Existenz habest, dünktdich unwiderleglich!). Die Festigkeit deines morali-schen Urtheils könnte immer noch ein Beweis geradevon persönlicher Erbärmlichkeit, von Unpersönlichkeitsein, deinemoralische Kraft könnte ihre Quelle indeinem Eigensinn haben oder in deiner Unfähigkeit,neue Ideale zu schauen! Und, kurz gesagt: wenn dufeiner gedacht, besser beobachtet und mehr gelernthättest, würdest du diese deinePflicht und diess dein