247
nungen, und viele Arten von Stolz und Mitgefühl, diebeinahe die Wirkung von Anästheticis haben: währendbei den höchsten Graden des Schmerzes schon vonselber Ohnmächten eintreten. Wir verstehen uns ganzgut darauf, Süssigkeiten auf unsre Bitternisse zu träu-feln, namentlich auf die Bitternisse der Seele; wir habenHülfsmittel in unsrer Tapferkeit und Erhabenheit, sowiein den edleren Delirien der Unterwerfung und der Re-signation. Ein Verlust ist kaum eine Stunde ein Ver-lust: irgendwie' ist uns damit auch ein Geschenk vomHimmel gefallen — eine neue Kraft zum Beispiel: undsei es auch nur eine neue Gelegenheit zur Kraft! Washaben die Moralprediger vom inneren „Elend“ der bösenMenschen phantasirt! Was haben sie gar vom Unglückeder leidenschaftlichen Menschen uns vorgelogen! —ja, lügen ist hier das rechte Wort: sie haben um dasüberreiche Glück dieser Art von Menschen recht wohlgewusst, aber es todtgeschwiegen, weil es eine Wider-legung ihrer Theorie war, nach der alles Glück erst mitder Vernichtung der Leidenschaft und dem Schweigendes Willens entsteht! Und was zuletzt das Recept allerdieser Seelen-Ärzte betrifft und ihre Anpreisung einerharten radicalen Cur: so ist es erlaubt, zu fragen: istdieses unser Leben wirklich schmerzhaft und lästig genug,um mit Vortheil eine stoische Lebensweise und Ver-steinerung dagegen einzutauschen? Wir befinden unsnicht schlecht genug, um uns auf stoische Art schlechtbefinden zu müssen!
327 -
Ernst nehmen. — Der Intellect ist bei den Aller-meisten eine schwerfällige, finstere und knarrende Ma-schine, welche übel in Gang zu bringen ist: sie nennen