Druckschrift 
Die fröhliche Wissenschaft :
("la gaya scienza")
Entstehung
Seite
223
Einzelbild herunterladen
 

223

verborgnen Schamhaftigkeiten einsamer Seelen, sagt:Moral sei etwas Verbotenes! Vielleicht gewinntihr so die Art von Menschen für diese Dinge, auf welcheeinzig Etwas ankommt, ich meine die Heroischen.Aber dann muss Etwas zum Fürchten daran sein undnicht, wie bisher, zum Ekeln! Möchte man nicht heutein Hinsicht der Moral sagen, wie Meister Eckardt:ichbitte Gott, dass er mich quitt mache Gottes!

2 93 -

Unsere Luft. Wir wissen es wohl: wer nurwie im Spazierengehen einmal einen Blick nach derWissenschaft hin thut, nach Art der Frauen und leiderauch vieler Künstler: für Den hat die Strenge ihresDienstes, diese Unerbittlichkeit im Kleinen wie imGrossen, diese Schnelligkeit im Wägen, Urtheilen, Ver-urtheilen, etwas Schwindel- und Furchteinflössendes. Na-mentlich erschreckt ihn, wie hier das Schwerste gefordert,das Beste gethan wird, ohne dass dafür Lob und Aus-zeichnungen da sind, vielmehr, wie unter Soldaten, fastnur Tadel und scharfe Verweise laut werden, denndas Gutmachen gilt als die Regel, das Verfehlte als dieAusnahme; die Regel aber hat hier wie überall einenschweigsamen Mund. Mit dieserStrenge der Wissen-schaft steht es nun wie mit der Form und Höflichkeitder allerbesten Gesellschaft: sie erschreckt den Un-eingeweihten. Wer aber an sie gewöhnt ist, mag garnicht anderswo leben, als in dieser hellen, durchsichtigen,kräftigen, stark elektrischen Luft, in dieser männlichenLuft. Überall sonst ist es ihm nicht reinlich und luftiggenug: er argwöhnt, dass dort seine beste Kunst Nie-mandem recht von Nutzen und ihm selber nicht zur