Druckschrift 
Die fröhliche Wissenschaft :
("la gaya scienza")
Entstehung
Seite
222
Einzelbild herunterladen
 

222

das Meer, das Abenteuer und den Orient kennt, einenMenschen, welcher dem Gesetze und dem Nachbar wieeiner Art von Langerweile abhold ist und der alles schonBegründete, Alte mit neidischen Blicken misst: er möchte,mit einer wundervollen Verschmitztheit der Phantasie,diess Alles mindestens im Gedanken noch einmal neugründen, seine Hand darauf-, seinen Sinn hineinlegen —sei es auch nur für den Augenblick eines sonnigen Nach-mittags, wo seine unersättliche und melancholische Seeleeinmal Sattheit fühlt, und seinem Auge nur Eignes undnichts Fremdes mehr sich zeigen darf.

29 2.

An die Moral-Prediger. — Ich will keineMoral machen, aber Denen, welche es thun, gebe ichdiesen Rath: wollt ihr die besten Dinge und Zuständezuletzt um alle Ehre und Werth bringen, so fahrt fort,sie in den Mund zu nehmen, wie bisher! Stellt sie andie Spitze eurer Moral und redet von früh bis Abendvon dem Glück der Tugend, von der Ruhe der Seele,von der Gerechtigkeit und der immanenten Vergeltung:so wie ihr es treibt, bekommen alle diese guten Dingedadurch endlich eine Popularität und ein Geschrei derGasse für sich: aber dann wird auch alles Gold daranabgegriffen sein und mehr noch: alles Gold darin wirdsich in Blei verwandelt haben. 'Wahrlich, ihr verstehteuch auf die umgekehrte Kunst der Alchymie, auf dieEntwerthung des Werthvollsten! Greift einmal zum Ver-suche nach einem andern Recepte, um nicht, wie bisher,das Gegentheil von dem, was ihr sucht, zu erreichen:leugnet jene guten Dinge, entzieht ihnen den Pöbel-Beifall und den leichten Umlauf, macht sie wieder zu