Druckschrift 
Die fröhliche Wissenschaft :
("la gaya scienza")
Entstehung
Seite
221
Einzelbild herunterladen
 

2 2 1

bewohnten Höhen und Hänge eine gute Weile an-gesehn; endlich muss ich sagen: ich sehe Gesichteraus vergangenen Geschlechtern, — diese Gegend ist mitden Abbildern kühner und selbstherrlicher Menschenübersäet. Sie haben gelebt und haben fortleben wollen— das sagen sie mir mit ihren Häusern, gebaut undgeschmückt für Jahrhunderte, und nicht für die flüchtigeStunde: sie waren dem Leben gut, so böse sie oft gegensich gewesen sein mögen. Ich sehe immer den Bauen-den, wie er mit seinen Blicken auf allem fern und nahum ihn her Gebauten ruht, und ebenso auf Stadt, Meerund Gebirgslinien, wie er mit diesem Blick Gewalt undEroberung ausübt: Alles diess will er seinem Planeeinfügen und zuletzt zu seinem Eigenthum machen,dadurch dass es ein Stück desselben wird. Diese ganzeGegend ist mit dieser prachtvollen unersättlichen Selbst-sucht der Besitz- und Beutelust überwachsen; und wiediese Menschen in der Ferne keine Grenze anerkanntenund in ihrem Durste nach Neuem eine neue Welt nebendie alte hinstellten, so empörte sich auch in der Heimathimmer noch Jeder gegen Jeden und erfand eine Weise,seine Überlegenheit auszudrücken und zwischen sich undseinen Nachbar seine persönliche Unendlichkeit da-zwischen zu legen. Jeder eroberte sich seine Heimathnoch einmal für sich, indem er sie mit seinen architek-tonischen Gedanken überwältigte und gleichsam zurAugenweide seines Hauses umschuf. Im Norden im-ponirt das Gesetz und die allgemeine Lust an Gesetz-lichkeit und Gehorsam, wenn man die Bauweise derStädte ansieht: man erräth dabei jenes innerliche Sich-Gleichsetzen, Sich - Einordnen, welches die Seele allerBauenden beherrscht haben muss. Hier aber findestdu, um jede Ecke biegend, einen Menschen für sich, der