Druckschrift 
Die fröhliche Wissenschaft :
("la gaya scienza")
Entstehung
Seite
123
Einzelbild herunterladen
 

wies, wie er sich seine eigne Sprache schuf und sichzum Dichter tyrannisirte: er hatte endlich eine strengeForm von Erhabenheit gefunden, in welche er sein Lebenund sein Gedächtniss hineinpresste: es wird viel Qualdabei gewesen sein. Ich würde auch einer Lebens-geschichte Platons, von ihm selber geschrieben, keinenGlauben schenken: so wenig als der Rousseaus oder dervita nuova Dantes.

92.

Prosa und Poesie. Man beachte doch, dassdie grossen Meister der Prosa fast immer auch Dichtergewesen sind, sei es öffentlich, oder auch nur im Ge-heimen und für dasKämmerlein; und fürwahr, manschreibt nur im Angesichte der Poesie gute Prosa!Denn diese ist ein ununterbrochner artiger Krieg mitder Poesie: alle ihre Reize bestehn darin, dass beständigder Poesie ausgewichen und widersprochen wird; jedesAbstractum will als Schalkheit gegen diese und wie mitspöttischer Stimme vorgetragen sein; jede Trockenheitund Kühle soll die liebliche Göttin in eine liebliche Ver-zweiflung bringen; oft giebt es Annäherungen, Ver-söhnungen des Augenblicks und dann ein plötzlichesZurückspringen und Auslachen; oft wird der Vorhangaufgezogen und grelles Licht hereingelassen, währendgerade die Göttin ihre^ Dämmerungen und dumpfenFarben geniesst; oft wird ihr das Wort aus dem Mundegenommen und nach einer Melodie abgesungen, bei dersie die feinen Hände vor die feinen Öhrchen hältund so giebt es tausend Vergnügungen des Krieges, dieNiederlagen mitgezählt, von denen die Unpoetischen, diesogenannten Prosa-Menschen, gar Nichts wissen: dieseschreiben und sprechen denn auch nur schlechte Prosa!