I 20
87 -
Von der Eitelkeit der Künstler. — Ich glaube,dass die Künstler oft nicht wissen, was sie am bestenkönnen, weil sie zu eitel sind und ihren Sinn auf etwasStolzeres gerichtet haben, als diese kleinen Pflanzen zusein scheinen, welche neu, seltsam und schön,- in wirk-licher Vollkommenheit auf ihrem Boden zu wachsen ver-mögen. Das letzthin Gute ihres eignen Gartens undWeinbergs wird von ihnen obenhin abgeschätzt, und ihreLiebe und ihre Einsicht sind nicht gleichen Ranges. Daist ein Musiker, der mehr als irgend ein Musiker darinseine Meisterschaft hat, die Töne aus dem Reiche leidender,gedrückter, gemartertej* Seelen zu finden und auch nochden stummen Thieren Sprache zu geben. Niemandkommt ihm gleich in den Farben des späten Herbstes,dem unbeschreiblich rührenden Glück eines letzten, aller-letzten, allerkürzesten Geniessens, er kennt einen Klangfür jene heimlich-unheimlichen Mitternächte der Seele,wo Ursache und Wirkung aus den Fugen gekommen zusein scheinen und jeden Augenblick Etwas „aus demNichts“ entstehen kann; er schöpft am glücklichsten vonAllen aus dem unteren Grunde des menschlichen Glücksund gleichsam aus dessen ausgetrunkenem Becher, wodie herbsten und widrigsten Tropfen zu guter- undböserletzt mit den süssesten zusammengelaufen sind; erkennt jenes müde Sich-schieben der Seele, die nicht mehrspringen und fliegen, ja nicht mehr gehen kann; er hatden scheuen Blick des verhehlten Schmerzes, des Ver-stehens ohne Trost, des Abschiednehmens ohne Geständ-nis; ja, als der Orpheus alles heimlichen Elends ist ergrösser als irgend Einer, und Manches ist durch ihnüberhaupt der Kunst hinzugefügt worden, was bisher un-